Vertrauen in Medien schwindet, in Algorithmen wächst: die Mediennutzung im Wandel

13. Juli 2016 // Nils Dietrich

Netz-Hetze, „Lügenpresse“, soziale Netzwerke: Die Mediennutzung und ihre Rezipienten befinden sich in einem rasanten Wandel. Eine Studie hat die Nutzung von Nachrichten jetzt untersucht und kommt dabei zu Besorgnis erregenden Ergebnissen.

Fahren Sie mal morgens Bus oder Zug. Was machen die Leute da? Im Regelfall gaffen sie auf das Display ihrer Smartphones, schauen sich Katzenvideos bei Facebook an, What‘sappen oder lesen gar die aktuellsten Nachrichten. Das Anschauen von Serien auf etwas längeren Fahrten ist nicht minder beliebt. Ab und an sind sogar noch diese Exoten anzutreffen, die ein journalistisches Printprodukt konsumieren.

Dieser etwas überspitzte „Eindruck“ eines ehemaligen Pendlers ist nicht repräsentativ, enthält aber einen wahren Kern. Das belegt auch der internationale „Reuters Institute Digital News Survey 2016“. Laut der kürzlich veröffentlichten Studie zur Mediennutzung ist der regelmäßige Konsum von Printprodukten in Deutschland noch stärker rückläufig als dies zu erwarten war: 38 Prozent der Befragten gaben an, regelmäßig Tageszeitungen oder gedruckte Nachrichtenmagazine konsumieren. Im Vorjahr waren es noch 45 Prozent.

Medien büßen Vertrauen ein

Bei den anderen Mediengattungen registrierten die Forscher ebenfalls signifikante Veränderungen. 59 Prozent der Befragten nutzen für Nachrichten das Internet (2015: 60 Prozent), 46 Prozent das Radio (2015: 50 Prozent) und 31 Prozent soziale Medien (2015: 25 Prozent). 78 Prozent schauen regelmäßig Nachrichten im TV. Besonders drastisch stellt sich die Situation bei den 18- bis 24-Jährigen dar: Fernsehen (minus 18 Prozent), Radio (minus sieben Prozent), Printmedien (minus acht Prozent) und Internet (minus vier Prozent).

Mit den geschilderten Entwicklungen geht ein immenser Vertrauensverlust in die Medien einher: 52 Prozent vertrauen den Nachrichten meist, 18 Prozent tun dies nicht. 28 Prozent glauben gar, dass die Medien unter einem unzulässigen Einfluss von Politik und Regierung stehen, bei Wirtschaft und Unternehmen sind es 30 Prozent. Die Autoren der Studie sahen sich angesichts dieser Zahlen offenbar dazu genötigt, explizit auf den Erhebungszeitraum der Daten zu verweisen. Dieser sei in Deutschland zu Jahresbeginn „von den Diskussionen über die Kölner Silvester-Vorfälle und der damit verbundenen besonderen Medien- und Nachrichtenskepsis“ geprägt.

Vertrauen in den Algorithmus

Eine andere problematische Entwicklung wird durch die Zahlen zur Nutzung der Online-Medien belegt. Der häufigste Zugangsweg zu Online-Nachrichten erfolgt einerseits über Suchmaschinen (47 Prozent) und direkt über die Nachrichtenseiten (27 Prozent). Andererseits wird jeder fünfte erwachsene Internetnutzer über soziale Netzwerke auf journalistische Artikel und Berichte aufmerksam. Der am häufigsten genannte Nutzungsgrund für soziale Medien ist die einfache Art, auf verschiedene Quellen zugreifen zu können.

Die Filterblase
lässt grüßen

Die Auswahl der Zusammenstellung der Nachrichten durch Redaktionen wird als ähnlich guter Weg empfunden wie die Selektion durch Algorithmen, die sich am eigenen früheren Nutzungsverhalten orientieren (jeweils 36 Prozent Zustimmung). Die Sorge, durch eine personalisierte Nachrichtenauswahl wichtige Informationen zu verpassen, teilen 44 Prozent der Befragten, und 42 Prozent befürchten, dass ihnen auf diese Weise Nachrichten mit gegensätzlichen Meinungen entgehen. Die Filterblase lässt grüßen.

 

zum Autor

Nils Dietrich arbeitet als PR-Berater bei Sputnik. Hier betreut er vornehmlich Kunden aus den Bereichen Finanzen, IT und Telekommunikation. Zuvor baute er die Redaktion bei Finanzen100 auf, arbeitete einige Jahre in der Online-Redaktion der Rheinischen Post und konzentrierte sich hier vornehmlich auf die Wirtschafts- und Politikberichterstattung. Die Münstersche Zeitung, die Westfälischen Nachrichten, der WDR und boersego.de waren einige seiner weiteren Stationen.

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