Autorisierung – Zwischen Zensur und hilfreichem Instrument

6. November 2017 // Marlen Benen

Im Gespräch gab sich der damalige Vizekanzler und FDP-Chef Philipp Rösler locker. Er beantwortete eine Stunde lang die Fragen der taz zu Hassmails, Koalitionsstreit und seine asiatischen Wurzeln. Im Anschluss wollte er dann von den Themen nichts mehr wissen und verweigerte dem Interview seine Autorisierung. Er wolle sein asiatisches Aussehen nicht zum Wahlkampfthema machen.

Die taz druckte in jenem September 2013 schließlich nur die Fragen und ließ den Raum für die Antworten frei – aus Protest gegen den „Autorisierungswahn“ deutscher Promis und manchmal auch Nicht-Promis nach Interviews.

Gibt es ein Recht auf Autorisierung?

Dem Thema und der taz brachte das viel Aufsehen. Übrigens nicht zum ersten Mal, denn bereits 2003 hatte die Zeitung in einem Interview mit dem damaligen SPD-Generalsekretär Olaf Scholz die Antworten geschwärzt. Der hatte im Nachhinein fast alles umschreiben lassen wollen, fand die Fragen ohnehin ein bisschen frech und mochte deshalb die Autorisierung nicht geben.

Aber ist eine solche Autorisierung überhaupt notwendig? Ist sie rechtlich gar zwingend? Und darf ein Journalist ohne Autorisierung ein Interview gar nicht drucken? Die Diskussion ist sozusagen typisch deutsch. Denn in den USA und den angelsächsischen Ländern beispielsweise ist eine nachträgliche Autorisierung von Interviews verpönt (freilich teilweise wohl doch praktiziert). Gesagt ist eben gesagt.

Autorisierungspraxis in Deutschland

An der fortwährenden Diskussion über die Autorisierung von Texten und Interviews in Deutschland ist übrigens der Spiegel schuld, der sie als erstes Medium in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts bei Streitgesprächen konsequent praktizierte – auf Basis einer freiwilligen Vereinbarung zwischen Redakteuren und Interviewten, denn eine gesetzliche Regelung zur Autorisierung gab es damals und gibt es bis heute nicht.

Und natürlich werden gerade wörtliche Interviews nicht zwingend schlechter, wenn jemand noch mal ein paar Sätze „begradigt“, aus Gründen der Dramaturgie Fragen tauscht oder umständliche Ausführungen wegstreicht. Nur ist dafür im eigentlichen Sinne seiner Aufgabe erstmal der Redakteur zuständig. Für diese Aufgaben und den Umgang mit Autorisierung hat der Deutsche Journalistenvervand (DJV) seinen Mitgliedern Leitlinien an die Hand gegeben – und versucht dabei dem „Autorisierungswahn“ naturgemäß eher entgegenzutreten. Dem gegenüber steht die Meinung des Bundesverbandes Deutscher Pressesprecher, der sich vorbehaltlos für Autorisierungen einsetzt. Beide Positionen lassen sich in einer DJV-Broschüre nachlesen.

Aus Sicht der PR: Umgang mit Autorisierung

Die Sicht der PR auf die Autorisierung erleben wir bei Sputnik für und mit unseren Kunden täglich. Hier erscheint ein Anwenderbericht in der Fachzeitschrift, dort äußert sich ein Geschäftsführer in der Lokalzeitung zum Ausbau der Produktion und ein anderer Unternehmensvertreter spricht auf der Messe mit Vertretern mehrerer Fachmedien über die neuen Produkte. Dabei gilt wie so oft grundsätzlich eine Regel: Reden hilft! Wer von Anfang an die Redaktionen klar auf begründete Wünsche und Erfordernisse in Sachen Autorisierung hinweist, schafft schon möglichst viel Konfliktpotenzial aus dem Weg.

So finden Journalisten und Interviewte zusammen

Denn zumindest Tageszeitungs- oder Nachrichtenjournalisten können es schlicht nicht leiden, wenn in Texten oder Interviews rumgestrichen wird. Nicht zu Unrecht hat das für sie den Hauch von Zensur. Etwas anders verhält es sich bei fachlich anspruchsvollen Gesprächen oder auch Fachzeitschriften, mit denen gerade auch unsere Kunden aus dem Mittelstand häufig zu tun haben.  Hier lassen Redaktionen vor allem fachliche Aspekte freiwillig gerne auf Richtigkeit überprüfen.

Wie nun der Umgang mit dem manchmal heiklen Thema Autorisierung von Interviews aus Sicht der Unternehmen gelingen kann, haben wir in ein paar Tipps zusammengefasst:

  • Autorisierungswünsche unbedingt VOR einem Gespräch anmelden. Hinterher hören Journalisten das zu Recht ungern. Schließlich haben beide Seiten ein Recht darauf zu erfahren, unter welchen Rahmenbedingen das Gespräch stattfindet.
  • Lassen Sie sich genau erklären, in welchem Rahmen das Gesagte erscheinen soll. Wenn darüber Klarheit herrscht, können Sie sich entsprechend vorbereiten und es sind schon viele Hürden aus dem Weg geräumt.
  • Sagen Sie, was und warum Sie autorisieren möchten: Der Sachverhalt ist komplex, die Angelegenheit aufgrund der bevorstehenden Entlassungen heikel oder das Produkt noch nicht serienreif…
  • Denken Sie vor dem Interview darüber nach, was Sie möglicherweise nicht sagen wollen oder können. Und dann halten Sie sich auch daran. Durch gute Vorbereitung werden nachträgliche Konflikte direkt vermieden.
  • Bei der Autorisierung selbst behutsam vorgehen. Wenn eine Äußerung nicht wirklich schweren Schaden anrichtet, sollte sie bestehen bleiben. Alles andere schadet nur Ihrer eigenen Glaubwürdigkeit oder hat stets den Anschein von Zensur.
  • Die Fragen der Redaktion sind die Fragen der Redaktion und sollten nicht angepackt werden.
  • Bieten Sie Redaktionen gerade zu einem Fachinterview noch weiteres schriftliches Infomaterial an. Denn das mit der Vorbereitung gilt natürlich auch für Journalisten. Auch nach einem Gespräch können noch Infos übergeben werden.

zur Autorin

Marlen Benen arbeitet als PR-Redakteurin bei Sputnik. Hier betreut sie vornehmlich Kunden aus der Branche Gesundheit und Pflege sowie Konsumgüter und Dienstleistungen. Jahrelang war sie als Reporterin und CvD beim Sport-Informations-Dienst (SID) tätig. Als freie Redakteurin hat sie für verschiedenste Medien aus den Bereichen Wirtschaft, Kultur und Sport geschrieben.

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