Live-Streaming-Apps: Schaut die Meerkat durchs Periscope

10. Juni 2015 // Nils Dietrich
Live-Streaming für Journalisten (Foto: Periscope)
Live-Streaming auch in der PR möglich (Foto: Periscope)

Bild-Chefredakteur Kai Diekmann schwört auf sie, sein Focus-Pendant Ulrich Reitz ebenso: Die Live-Streaming-App Periscope und das Konkurrenzangebot Meerkat beflügeln die Phantasien von Journalisten. Stellt sich die Frage: Fancy Feature oder digitale Ejaculatio praecox?

Es gibt da eine interessante Geschichte aus den Innereien der Funke Mediengruppe, die seinerzeit noch als WAZ-Konzern firmierte. Vor einigen Jahren wollte derwesten.de, das zwischenzeitlich leckgeschlagene Online-Flaggschiff der Gruppe, zur Bewegtbild-Offensive blasen. Das dafür (logischerweise) notwendige Bildmaterial sollten die Printkollegen beisteuern, die ja ohnehin bei den Terminen vor Ort sind. Doch da gab es ein kleines Problem: Die Flip-Kamers, ähnlich groß wie die aktuellen Smartphones, erschienen den Alpha-Journalisten nicht standesgemäß, wurde mir seinerzeit brühwarm berichtet. Eine große Kamera, wie die vom Fernsehen die haben, sollte es doch bitteschön sein.

Warum ich die Geschichte erzähle? Weil ich sie einerseits ziemlich amüsant finde und sie andererseits viel darüber aussagt, warum die alte Garde und Multi- bzw. Crossmedia keine Freunde mehr werden. Und ich musste daran denken, als ich von den Jubelarien zweier Größen des deutschen (Print-)Journalismus las. „Ich bin sicher, dass Live-Streaming den Journalismus verändern wird“, erklärte Reitz nach Angaben des Branchendienstes „Meedia“. Ob Smartphones für das Reitz’sche Postulat nicht inzwischen zu handlich sind, will ich an dieser Stelle offen lassen. Fest steht aber: Die Live-Streaming-Apps Periscope und Meerkat bieten interessante neue Möglichkeiten – nur, wie und ob sie am Ende (in einem journalistischen Kontext) monetarisiert werden können, muss sich erst noch zeigen. Nein, ich will offen sein: Es darf zumindest bezweifelt werden.

Präzendenzfall „GNTM“

Dass Mediengrößen diese neumodischen Apps überhaupt (in Medienkreisen) ein Thema sind, ist einem jungen Herrn namens Daniel Cremer, seines Zeichens Mitarbeiter bei der „Bild“, zu verdanken. Er war kürzlich beim Finale der Castingsendung „Germany’s Next Topmodel“ zugegen, das wegen einer Bombendrohung abgebrochen werden musste. Cremer ging spontan auf Sendung und berichtete über die Vorkommnisse in Mannheim – zu diesem Zeitpunkt wurden die „normalen Besucher“ über den wahren Grund der Räumung noch im Unklaren gelassen, um eine Panik zu vermeiden. Von den nach „Meedia“-Angaben 3.000 Followern des Streams sickerte glücklicherweise nichts durch.

Periscope und Meerkat bieten Streaming in der Hosentasche

Die Funktionalität, die Periscope und Meerkat bieten, ist vom Prinzip her bestechend einfach: Wo früher ein Ü-Wagen mit geschultem Personal benötigt worden wäre, reicht nun ein Smartphone mit Internetverbindung, auf dem die jeweilige App installiert sein muss. Und, ach ja, (im Fall von Periscope) ist ein Twitter-Account obligatorisch, denn der Short-Messaging-Dienst hat die Live-Streaming-App vor einiger Zeit gekauft. Sind all diese Voraussetzungen erfüllt, reicht ein Knopfdruck und der Stream läuft in die große weite Welt, jedermann kann live zuschauen. Periscope-User können die Aufzeichnung noch bis zu 24 Stunden danach abrufen. Ebenfalls wichtig: Die ist keine Einbahnstraße, User können Fragen stellen und Herzen senden, wobei sich die Usability hier für den „Moderator“ in Grenzen hält, wenn er viele Zuschauer hat. Über eine Kartenfunktion sind die sendenden Nutzer zudem sichtbar.

Nutzerzahlen von Periscope haben Luft nach oben

Fest steht: Hier eröffnet sich ein neuer, interessanter Kanal für Journalisten und die PR. Jeder kann sein eigenes, kleines Live-TV-Programm auf die Beide stellen. Bild-Chef Diekmann etwa ist begeisterter Fan: Er lässt seine Zuschauer schon mal bei der Auswahl des Bildes des Tages oder der Vertragsunterschrift von Kolumnist Franz-Josef Wagner live teilhaben. Das schafft eine Nähe, die sicherlich auch für andere Personen des öffentlichen Lebens in ihrer Öffentlichkeitsarbeit interessant sein könnte. Der FC Schalke 04 experimentiert hingegen mit dem Stream von Pressekonferenzen. Hier steckt auch aus PR-Sicht das Potenzial für mehr.

Luft nach oben dürfte es auch bei den Nutzerzahlen geben. Ein Periscope-Sprecher sagte „Meedia“, dass man zehn Tage nach dem Start im März bereits eine Million User gehabt habe. Frischere Zahlen liegen nicht vor. Ohnehin dürfte sich auch erst auf mittlere Sicht zeigen, ob der aus dem Modethema für Medienschaffende ein richtiger Hype wird.

zum Autor

Nils Dietrich arbeitet als PR-Berater bei Sputnik. Hier betreut er vornehmlich Kunden aus den Bereichen Finanzen, IT und Telekommunikation. Zuvor baute er die Redaktion bei Finanzen100 auf, arbeitete einige Jahre in der Online-Redaktion der Rheinischen Post und konzentrierte sich hier vornehmlich auf die Wirtschafts- und Politikberichterstattung. Die Münstersche Zeitung, die Westfälischen Nachrichten, der WDR und boersego.de waren einige seiner weiteren Stationen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.