„Sieht man einen Hai, muss man aufhören zu schwimmen“: Interview mit Extremsportler André Wiersig

16. November 2020 // Violetta Stahurski

Ein wenig nervös war ich schon. Das gebe ich zu. Nicht nur war es meine erste Aufgabe für unser Team Gesundheit & Pflege, es war auch mein erstes richtiges Interview für einen Artikel. Aber das Thema hat mich gleich gefesselt, denn mein Interviewpartner war André Wiersig – der erste Deutsche und 16. Mensch überhaupt, der die Ocean’s Seven bewältigt hat.

Die Ocean’s Seven sind eine siebenteilige Langstreckenherausforderung für Schwimmer und gelten als Äquivalent zu den Seven Summits der Bergsteiger. Eine Mammutaufgabe – selbst für Extremschwimmer. Auf die Teilnehmer warten teils gewaltige Strömungen, extrem kalte Wassertemperaturen und gefährliche Meerestiere. Die kürzeste Strecke ist mit 14 km die Straße von Gibraltar, die längste Meeresenge ist der Kaiwi-Kanal mit unglaublichen 44 km! Wie kann ein Mensch so etwas schaffen? Dieser und weiteren Fragen ging ich auf den Grund:

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Als Vorbereitung haben Sie über mehrere Jahre kalt geduscht und in einer Regentonne mit eiskaltem Wasser bis zu 20 Minuten gesessen. Aber wie haben Sie sich mental vorbereitet?

Das Kanalschwimmen hat tatsächlich eine große mentale Komponente. Stellen Sie sich vor: Sie stehen mitten in der Nacht auf einem Strand in Hawaii und können die andere Insel nicht mal sehen. Es ist stockdunkel und riesige Wellen rauschen heran. Wenn Sie da rausschwimmen in die völlige Finsternis, dann müssen Sie natürlich sehr selbstsicher sein. Das muss man sich antrainieren.

Warum sind Sie nur im Dunkeln geschwommen?

Wenn Sie zum Beispiel auf Hawaii 44 Kilometer von Molokaʻi nach Oʻahu schwimmen, dann schaffen sie die Strecke nicht vollständig tagsüber. Sie dauert mindestens zwölf Stunden. Nachts ist es außerdem windstiller und die Wellen sind niedriger. Der Hauptgrund sind aber die Haie. Während des Sonnenuntergangs befinden sich viele ihrer Beutetiere in Küstennähe – da will man nicht zwischengeraten. Es wird ja ohne Haikäfig geschwommen. Weißspitzen-Hochseehaie zum Beispiel beißen nicht nur einmal zu, die fressen einen komplett auf.

Hai ist ein gutes Stichwort. Wie sind Sie in kritischen Situationen ruhig geblieben?

Sieht man einen Hai, muss man aufhören zu schwimmen. Man bleibt aber im Wasser und beobachtet ihn, um zu signalisieren, dass man ihn gesehen hat. Diese Situationen sind zum Glück immer friedlich abgelaufen. Für andere ein Horrorszenario, aber ich fand die Erfahrung beeindruckend.

Ich bin lange über den Punkt hinweg, mir selbst oder anderen noch etwas beweisen zu wollen. 

Das war insgesamt sicher keine leichte Challenge. Wie bleibt man da motiviert?

Mein Antrieb war nicht die Anerkennung anderer – die kommt natürlich jetzt und das ist auch schön – aber darum ging es eigentlich nie. Viele Menschen lieben allein die Kulisse am Meer. Den meisten ist es aber ein Graus, im offenen Meer zu schwimmen. Ich wiederum finde das fantastisch. Die schönsten Momente waren die, in denen ich mich als Teil des Meeres gefühlt habe. Leider ist das ein Trugschluss, weil man als Mensch einfach nicht dorthin gehört. Also sehe ich mich als Gast im Meer und beklage mich nicht über stechende Quallen und große Wellen, denn als Gast stellt man keine Ansprüche.

Wie hat Ihre Familie Sie dabei unterstützt?

Meine Familie stand immer hinter mir, aber ich würde lügen, wenn ich sage, dass sie es jederzeit toll gefunden haben. Ich habe wahnsinnig viel Geld dafür ausgegeben. Natürlich hat sich meine Frau auch Sorgen gemacht, wenn ich da weit draußen im Ozean war. Aber sie weiß, dass sie das Wichtigste für mich ist. Hätte Sie ernsthafte Probleme damit gehabt, dann hätte ich das nicht gemacht. So weit geht mein Ego-Trip dann doch nicht (lacht).

Mittlerweile arbeiten Sie als Botschafter der Deutschen Meeresstiftung und engagieren sich gegen die Vermüllung der Meere. Haben Sie sich schon vor den Ocean’s Seven für Umweltschutz interessiert?

Ich habe mich schon vorher dafür interessiert und teilweise auch engagiert. Aber die intensive Zeit mit und in dem Meer hat mich nochmal ganz anders sensibilisiert. Dort habe ich die von Menschen verursachten Veränderungen direkt mitbekommen: Ich bin gegen Plastikplanen oder sogar Europaletten geschwommen. Ich beschwere mich nicht über die Quallen, von denen ich mal lebensgefährlich gestochen wurde. Die sind schon seit Millionen von Jahren im Meer. Aber ich wurde nur von ihnen zerstochen, weil wir durch die Überfischung die ganzen Fressfeinde wie Thunfische oder Meeresschildkröten fast ausgerottet haben.

Haben Sie ein paar Tipps für die Leser, was sie zum Umweltschutz beitragen können?

Wir alle sollten überlegen, wie wir etwas zurückgeben können. In den letzten Jahrzehnten haben wir alle viel zu viel immer nur genommen. Ich auch. Wir können versuchen, weniger Müll zu produzieren. Das, was rumliegt, einfach aufheben. Auch wenn es andere weggeschmissen haben und man sich nicht dafür verantwortlich fühlt. Doch! Denn wenn ich es aufsammele, ist es ja nicht mehr da. Das inspiriert und beeinflusst wiederum andere. Bei einigen dauert das vielleicht nur länger.

Könnten Sie sich vorstellen, in Zukunft noch ein weiteres sportliches Projekt zu absolvieren?

Die Ocean’s Seven sind in dem Bereich die größte Herausforderung. Mehr geht nicht. Und ich bin lange über den Punkt hinweg, mir selbst oder anderen noch etwas beweisen zu wollen. Natürlich werde ich weiterhin schwimmen. Aber für mich ist es nun wichtig, als Meeresbotschafter zu agieren und andere zu sensibilisieren – ohne anzuklagen!

Gesunde Ernährung, Sport und Familie – das sind wohl die typischen Themen in den meisten Krankenkassenmagazinen. In der Zeitschrift pluspunkt unseres Kunden actimonda finden Leserinnen und Leser aber noch weitere spannende Geschichten: Für die dritte Aufgabe in diesem Jahr tauchte das Redaktionsteam von Sputnik ein in die Welt des Extremschwimmens.

Fotos: © Dennis Daletzki

 

zur Autorin

Violetta Stahurski ist PR-Redakteurin im Branchenteam Industrie, Energie und Bau bei Sputnik. Zuvor absolvierte die 27-Jährige ihr PR-Volontariat bei einer Hamburger Agentur. Die Münsterländerin mit russischen Wurzeln hat Kommunikationsmanagement in Lingen und Gelsenkirchen – mit Zwischenstopp in Brasilien – studiert.

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