Alte Schule: was wir noch heute von der Rhetorik lernen können

16. November 2017 // Carsten Hinnah

Man könnte meinen, im digitalen Zeitalter von Facebook, Twitter und Instagram sei die Rhetorik mit ihren antiken Wurzeln und angestaubten Begriffen ein alter Hut. Synekdoche, Prokatalepsis oder Epiphora – das klingt alles eher hochgestochen als hipp und fancy. Bei näherer Betrachtung stellen wir aber fest, dass rhetorische Figuren und Stilmittel in der Alltagskommunikation, der Politik und den Medien allgegenwärtig sind.

In den zur Überhitzung neigenden Debatten in Social Media haben sie sogar Hochkonjunktur. Kein Wunder, denn gute Argumente gepaart mit schlechter Rhetorik ist ungefähr so wie 400 PS auf der Hinterachse bei Glatteis: die Räder drehen im Stand durch. Hier drei Beispiele, wie auch heute noch nach alter Schule kommunikative Traktion auf die Straße gebracht wird.

Whataboutism

Whataboutism, frei übersetzt „und was ist mit?“ plus das Suffix –ism = …ismus, bezeichnet eine Gesprächstaktik, bei der auf Kritik oder Vorwürfe nicht ansatzweise eingegangen, sondern diese mit dem Hinweis auf vermeintlich schwerwiegendere Missstände, die zumeist dem Kritisierendem zur Last gelegt werden, gekontert wird. Die Ausgangsfrage wird dabei völlig negiert beziehungsweise im Angesicht des noch schwerer wiegenden Unrechts als unbedeutend relativiert.

Wann immer über Polizeirazzien beispielsweise im Rockermilieu berichtet wird, sammeln sich in den Kommentaren empörte Stimmen, die fordern, dass die Polizei doch zuerst einmal an anderer Stelle ihren Job zu machen hätte: bei kriminellen Clans, korrumpierten Bankern oder gleich im Berliner Regierungsviertel, wo die größten Verbrecher vermutet werden. Als die Vorfälle der Kölner Silvesternacht Anfang 2016 öffentlich wurden, verwiesen tausende Online-Apologeten auf die Tatsache, dass auch auf dem Oktoberfest oder während des Karnevals übergriffiges Verhalten auf der Tagesordnung steht.

Einfach mal gnadenlos Vom Thema ablenken

Die eine Straftat macht die andere jedoch nicht harmloser. Schafft es der Kommentator sogar mittels Whataboutism das Streitgespräch zu kapern und den ursprünglichen Diskussionsgegenstand gegen einen angeblich wichtigeren auszutauschen, ist ihm das Derailing, zu Deutsch die „Entgleisung“ der Debatte gelungen.

Werden Sie persönlich

Der Philosoph Arthur Schopenhauer beschrieb bereits in seinem um 1830 entstandenen Manuskript „Eristische Dialektik“ 38 rhetorische Strategeme, mit denen man in einer Diskussion als derjenige erscheint, der im Recht ist. Für den Fall, dass der Gegner eine Argumentation ergreift, „mit der er uns schlagen wird“, rät Schopenhauer, beizeiten den Gang der Disputation zu unterbrechen und durch abspringen, ablenken und auf andere Sätze führen eine „mutatio controversiae“, zu Deutsch „Verschiebung der Streitfrage“ zu Wege zu bringen und „ … fängt mit einem Male von etwas ganz anderm an, als gehörte es zur Sache und wäre ein Argument gegen den Gegner.“ Dies geschehe in einiger Bescheidenheit, „wenn die Diversion doch noch überhaupt das thema quaestionis (den Streitgegenstand) betrifft; unverschämt, wenn es bloß den Gegner angeht und gar nicht von der Sache redet.“ Mit anderen Worten, letzte Ausfahrt: persönlich werden. Wir sehen, nichts ist wirklich neu.

Buzzwords, Kampfbegriffe oder die „verhasste Kategorie“

„Postfaktisch“, „systemrelevant“, „Genderwahn“, „Schurkenstaat“ und „Neue Mitte“– Schlagworte verdichten Diskurse in einem prägnanten Begriff, allerdings nicht ohne Wertung, vielmehr sollen sie die Debatte in eine bestimmte Richtung steuern. Der rhetorisch hoch begabte ehemalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler wusste „Revolutionen werden heute nicht mehr herbeigeführt, indem man Telegrafenämter und Bahnhöfe besetzt, sondern indem man Begriffe besetzt.“ Wenn es zum allgemeinen Konsens wird, dass nur wirklich „sozial ist, was Arbeit schafft“ (CDU-Wahlkampfslogan 2002), dann entreißt die Union damit der Sozialdemokratie die Deutungshoheit über ihr Kernthema.

Es gehört wohl zu der größten Propagandaleistungen der Tabakindustrie, Zigaretten im kollektiven Gedächtnis als Symbole der Freiheit zu verankern. Denn nüchtern und physiologisch betrachtet, geht es bei Nikotin um ein schnell abhängig machendes Nervengift – und Sucht ist dann doch wohl eher das Gegenteil von Freiheit. Als es der Tabakindustrie hierzulande vor gut 10 Jahren mit der Nichtraucherschutzgesetzgebung an den Kragen ging, wurde versucht dies mit Begriffen wie „Tugenddiktatur“ und „Nannystaat“ zu diskreditieren. So wie Arthur Schopenhauer unter Kunstgriff 32 seiner Eristischen Dialektik rät, die „uns entgegenstehende Behauptung des Gegners (…)

Zigaretten als Symbole der Freiheit

auf kurze Weise dadurch beseitigen oder wenigsten verdächtig zu machen, dass wir sie unter eine verhasste Kategorie bringen, wenn sie auch nur durch eine Ähnlichkeit oder sonst lose mit ihr zusammenhängt, z. B.: das ist Manichäismus, das ist Arianismus; das ist Pelagianismus … usw.“ Die verhasste Kategorie, unter der der Nichtraucherschutz mit dem Schlagwort „Tugenddiktatur“ verächtlich gemacht werden sollte, lautet „Paternalismus“.

Kategorisierungen

Damit greift Schopenhauer Anfang des 19. Jahrhunderts den Erkenntnissen der modernen Wahrnehmungs- und Kommunikationspsychologie voraus. Diese bezeichnet Kategorien als kognitive Klassen von Elementen. Die Zugehörigkeit der Elemente zu einer Kategorie wird durch bestimmte Merkmale der Elemente definiert („durch eine Ähnlichkeit oder sonst lose mit ihr zusammenhängt“). Diese Klassifizierung von Dingen, Personen, Sachverhalten und Ereignissen ermöglicht es dem Menschen, von Einzelobjekten zu abstrahieren, seine Erfahrungen einzuordnen und sie so buchstäblich „in den Griff zu bekommen“. Kategorien machen also schnell handlungsfähig. Genau deshalb funktionieren Schlagwörter so gut.

Damit die Rhetorik nicht selbst als Manipulationstechnik oder Beschönigungssemantik zur verhassten Kategorie wird, soll hier zumindest noch ein redliches rhetorisches Instrument vorgestellt werden – die Prokatalepsis. Denn in Wirklichkeit ist die Rhetorik die hübsche Tochter der Demokratie und von sich aus weder gut noch böse, es kommt wie so oft darauf an, was man damit macht.

Prokatalepsis

Mit der Prokatalepsis (aus dem Griechischem „das Zuvorkommen“ bzw. „die Vorwegnahme“) greift der Redner gleich zu Beginn seiner Ausführungen die wichtigsten Bedenken und Einwände seiner Gegner auf, um sie zu widerlegen oder zumindest zu entkräften. Typischerweise beginnt eine Prokatalepsis mit den Worten „Natürlich könnte man hier einwenden, dass …“ oder „Skeptiker befürchten, dass …“

Die Einleitung dieses Blogbeitrags – Sie haben es längst gemerkt – entspricht einer Prokatalepsis. Ein fiktives Beispiel aus unternehmerischer Sicht: „Kritiker unseres Vorhabens sind der Meinung, wir könnten dieses Projekt aus Gründen des Umweltschutzes nicht realisieren. Das liegt daran, dass noch nicht hinreichend bekannt ist, dass wir die Umweltschutzauflagen schon heute übererfüllen.“ Der Redner zeigt damit an, dass er den Einwand kennt, ihn ernst nimmt und sich damit auseinandergesetzt hat, denn der Aufgeklärte kennt auch die Argumente derer, deren Meinung er nicht teilt.

Deutungshoheit über ein ambivalentes Thema

So bannen Sie die Gefahr, mit diesem Einwand unterbrochen zu werden, mehr noch: Sie besetzen proaktiv die Deutungshoheit über ein ambivalentes Thema, bevor es ihr Gegner tut und können Ihrem Kontrahenten den Wind aus den Segeln nehmen, bevor er die Segel überhaupt setzen konnte.

zum Autor

Carsten Hinnah ist PR-Berater bei Sputnik. Schwerpunktmäßig betreut er Industrieunternehmen bei der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Nach einer Ausbildung zum Immobilienkaufmann absolvierte er den PR-Fachstudiengang Kommunikationsmanagement. Parallel hierzu war er als Reporter für die Neue Osnabrücker Zeitung und Radio NRW im Einsatz. 2013 wechselte er nach PR-Stationen in den benachbarten Bundesländern Niedersachsen und Rheinland-Pfalz zu Sputnik. Sein besonderes Interesse gilt der Geschichte der strategischen Kommunikation.

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